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Psychologisches Konzept gegen Alkohol am Steuer

Im Hinblick auf eine verbesserte Verkehrssicherheit verfolgen die 27 EU-Mitgliedstaaten unterschiedliche Konzepte gegen Alkohol am Steuer. Während in Italien betrunkenen Fahrern neben astronomischen Geldbußen auch eine Beschlagnahmung des Fahrzeugs mit anschließender Zwangsversteigerung droht, werden in Frankreich gegen Alkoholsünder teilweise mehrjährige Haftstrafen verhängt.

Im Gegensatz dazu erhält in Deutschland der psychologisch-diagnostische Aspekt gegenüber härteren Sanktionen mehr Gewicht.

Der maßgebliche Unterschied zum Vorgehen anderer Staaten liegt in der Differenzierung: „Bei uns werden nicht alle alkoholauffälligen Fahrer über einen Kamm geschoren“, erklärt die Diplom-Psychologin und Verkehrstherapeutin Heike Gresch-Kerwien aus Herford. Es sei ein großer Unterschied, ob ein Heranwachsender nach der Disco alkoholisiert von der Polizei gestoppt wird, oder ob es sich um jemanden handelt, der Alkoholiker ist.

Ziel der deutschen Behörden ist es, durch eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) die Fahreignung auffällig gewordener Verkehrsteilnehmer festzustellen und über Schulungsprogramme eine nachhaltige Verhaltensänderung bei den Betroffenen zu erreichen — ein in Europa einzigartiger Ansatz.

Von der Boulevardpresse oftmals als Idiotentest verunglimpft, trägt besonders die MPU stark zur Verkehrssicherheit in Deutschland bei. Pro Jahr verlieren in Deutschland 180.000 Autofahrer wegen Alkohol am Steuer ihren Führerschein. Rund 63.000 davon nehmen an einer MPU teil, weil sie mit mehr als 1,6 Promille oder schon mehrfach mit Alkohol unterwegs waren.

Verhaltensänderung muss plausibel sein


Die MPU besteht aus einer ärztlichen Untersuchung, einem psychologischen Gespräch sowie einer Leistungsdiagnose mit Reaktionstest. Die Durchführung dauert in der Regel drei bis vier Stunden, wobei die Reihenfolge der Untersuchungsinhalte individuell durch die Gutachter — einen Arzt und einen Psychologen — festgelegt wird.

Der medizinische Teil der MPU beinhaltet eine körperliche Untersuchung, die auch labortechnische Analysen von Blut und Urin des Antragstellers umfassen kann. Dies betrifft vor allem Personen, die in Zusammenhang mit Alkohol oder Drogen auffällig geworden sind. Bei Suchtkranken werden im Vorlauf zur MPU eine Entwöhnung und anschließend der Abschluss einer Selbsthilfegruppe vorausgesetzt. „Die Abstinenzbehauptung sollte durch regelmäßige Blut- und/oder Urinuntersuchungen nachgewiesen werden“, so Gresch-Kerwien.

Im Gespräch mit einem Verkehrspsychologen muss außerdem die Einsicht des früheren Fehlverhaltens sowie eine Verhaltensänderung plausibel dargestellt werden. Schauspieler hätten kaum eine Chance, sagt die Therapeutin. Gresch-Kerwien: „Über bestimmte Fragetechniken kann man schnell herausfinden, ob die Aussagen einer Person nachvollziehbar sind.“ Ein standardisierter Computertest gibt zusätzlich Aufschluss über die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit des Antragstellers. Anhand der Ergebnisse beurteilen die Gutachter dann gemeinsam die Fahreignung einer Person. Der aktuelle Sachstand wird dem Antragsteller normalerweise unter Vorbehalt noch am Tag der Untersuchung mitgeteilt, das endgültige Gutachten wird per Post zugestellt.

MPU ist Schutz und Chance

Spätestens nach Alkoholfahrten mit 1,6 Promille (auch Radfahrer!) ist eine MPU genauso unausweichlich wie nach dem Erreichen von 18 Punkten in Flensburg oder einem festgestellten erhöhten Aggressionspotential des Verkehrsteilnehmers.

Vorbereitungskurse sollen den Verkehrssündern helfen, an ihrem Verhalten zu arbeiten und sich auf die MPU einzustellen. Bei der Wahl des richtigen Vorbereitungsprogramms ist Vorsicht geboten: Weil es keine festgelegten Standards für Inhalte und Durchführung gibt, können auch nicht ausgebildete Privatpersonen Schulungen anbieten.

Gresch-Kerwien empfiehlt daher, sich über seriöse Anbieter beim »Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP)« oder beim »Bund Niedergelassener Verkehrspsychologen (BNV)« zu informieren. „Als Qualitätsmerkmal sollten die Veranstalter den Titel »Fachpsychologe für Verkehrspsychologie« tragen“, rät die Expertin.

MPU-Betroffene sind zu 90 Prozent der Männer


Für die Betroffenen – zu über 90 Prozent Männer – sind diese Maßnahmen Schutz und Chance zugleich. Denn alkoholauffällige Fahrer stellen nicht nur ein hohes Risiko im Straßenverkehr dar, sie können auch vor weiterem Fehlverhalten bewahrt werden – denn das kostet sie viel Geld und Ärger und im schlimmsten Fall sogar das Leben.

Quelle: Deutscher Verkehrssicherheitsrat e.V www.dvr.de

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